«Ich wünsche mir, dass der Unterricht der Zukunft hybrid ist»

von Jennifer Zimmermann - 27 April 2026
Barbara Getto

Die Digitalisierung stellt Schulen, Lehrpersonen und Eltern vor neue Herausforderungen. Barbara Getto, Professorin für Medienbildung an der PH Zürich, spricht darüber, wie Eltern ihre Kinder sinnvoll begleiten können, wie sie die Schule der Zukunft sieht und sie plädiert für eine differenziertere Diskussion rund ums Thema.

Frau Getto, der Schulunterricht wird zunehmend digitaler. Wie nehmen Sie die Stimmung diesbezüglich in der Schweiz wahr?
Themen wie Datenschutz und Datensouveränität verunsichern stark. Schulen und Eltern fragen sich: Wem vertrauen wir unsere Daten an? Von welchen Anbietern machen wir uns abhängig? Zugleich wird vermehrt eine zugespitzte Debatte über Screentime, Social Media und psychische Gesundheit geführt. Oft wird dabei alles unter dem Schlagwort «Digitalisierung» zusammengefasst. Das halte ich für problematisch. Eine Social-Media-App mit suchtfördernden Mechanismen ist etwas anderes als ein digitales Lehrmittel. Wenn wir hier nicht stärker differenzieren, wird es schwierig, kluge Entscheidungen zu treffen.

Wie kann eine differenzierte Diskussion ermöglicht werden?
Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, worüber wir eigentlich sprechen, wenn wir fordern, dass Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt von Eltern und Lehrpersonen geschützt und begleitet werden sollen.

Kinder und Jugendliche sehen sich mit etlichen Risiken im digitalen Raum und im Umgang mit digitalen Tools konfrontiert. Was ist aus Ihrer Sicht ein guter Umgang mit diesen Risiken?
Eine gesunde Skepsis ist sinnvoll, aber pauschale Verbote greifen zu kurz und können leicht umgangen werden. Entscheidend ist die Begleitung: Kinder und Jugendliche müssen lernen, sich in digitalen Räumen sicher zu bewegen. Das gelingt nicht durch Abschottung, sondern durch Aufklärung, Gespräche und klare Regeln.

Ich sehe die aktuelle Phase auch als «window of opportunity». Die Digitalisierung hat uns in den letzten Jahren teilweise überrollt – und mit KI und neuen Technologien geht die Entwicklung rasant weiter. Da lohnt es sich, innezuhalten und die Weichen bewusst zu stellen. Erfreulicherweise gibt es bereits viele Initiativen, die digitale Kompetenzen von Lehrpersonen und Lernenden fördern.

Nicht nur Lehrpersonen begleiten Kinder im digitalen Raum, sondern auch die Eltern spielen eine entscheidende Rolle.
Wie gut Kinder im digitalen Raum begleitet werden, ist tatsächlich entscheidend dafür, wie stark diese von digitalen Tools profitieren und wie stark sie vor Risiken im digitalen Raum geschützt werden. Leider können das nicht alle Eltern im gleichen Mass leisten – sei es, weil ihnen die Zeit, die Kompetenzen oder die nötige Bildung fehlen. Digitale Tools führen also nicht automatisch zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

(Anm. d. Red.: Mehr über Digitalisierung und Bildungsgerechtigkeit lesen Sie in der Studie «DEEP Professionalization». Untersucht werden die Erfolgsbedingungen und Hindernisse für eine Professionalisierung von Lehrpersonen in der Primarstufe im Kontext von Digitalisierung und Bildungsgerechtigkeit.)

Ein Mac Book Pro, zwei Frauenhände an Tastatur und auf dem Screen ist eine Studie zu sehen mit dem Titel "Digtal Divide in Primary School".
Aus der Studie «DEEP Professionalization»: Die digitalen Kompetenzen von Schülerinnern und Schülern unterscheiden sich je nach sozioökonomischem Hintergrund.

Wie können Eltern ihre Kinder im digitalen Raum möglichst gut begleiten?
Sie sollten für eine klare, altersgerechte Medienbereitstellung sorgen. Dazu gehört, dass sie Geräteeinstellungen wie Browser- und App-Schutz sowie Einstellungen zur Bildschirmzeit kennen und anwenden können. Mindestens ebenso wichtig ist, dass sie offen und vertrauensvoll mit ihren Kindern sprechen: Was passiert, wenn ich ein Foto auf Social Media hochlade? Wer sieht das? Wie erkenne ich Fake News? Was mache ich, wenn mich eine fremde Person im Netz kontaktiert? Oder wenn im Klassenchat gemobbt wird? Es geht darum, aufzuklären, informiert zu sein, Probleme anzusprechen – und nichts zu tabuisieren.

In der Debatte um Digitalisierung im Unterricht ist oft von Schweden die Rede. Dort wurden digitale Strategien zuletzt zurückgefahren. Was lehrt uns dieses Beispiel?
Schweden hat stark in die 1:1-Ausstattung und in digitale Lehrmittel investiert – und setzt nun wieder vermehrt auf analoge Medien. Ich sehe das weniger als radikale Abkehr denn als Korrektur. Die Sorge um Lese- und Schreibleistungen sowie um die Konzentrationsfähigkeit ist ernst zu nehmen. Zugleich hat sich gezeigt, dass es entwicklungspsychologische Risiken gibt, wenn zu früh und zu intensiv mit dem Digitalen gestartet wird.

Gefährlich wäre ein Entweder-oder-Denken. Weder rettet Digitalisierung alles, noch zerstört sie alle Werte. Internationale Forschung zeigt vielmehr: Digitale Medien können einen Beitrag zur Lösung von Bildungsproblemen leisten – wenn sie didaktisch gut eingebettet sind. Die Lehre aus Schweden ist für mich klar: Nicht die Geräte sind entscheidend, sondern die Professionalisierung und das pädagogische Konzept.

«Nicht die Geräte sind entscheidend, sondern die Professionalisierung und das pädagogische Konzept.»

Dieses Entweder-oder-Denken scheint in der Tat recht ausgeprägt zu sein.
Ja, ich empfinde es als einen Technik-Determinismus, à la «die Technologie verändert den Unterricht automatisch!». Dem widerspreche ich. Klar, das Digitale prägt den Unterricht mit, so wie es heute alle gesellschaftlichen Bereiche, unsere Berufe und das Bildungssystem durchdringt. Entscheidend ist jedoch immer noch, wie wir damit umgehen. Das Digitale hat den Unterricht bis heute nicht revolutioniert und wird das auch nicht von selbst tun.

Droht auch bei uns eine Pendelbewegung wie in Schweden?
Ja, das kann ich mir vorstellen. Die Gefahr liegt darin, dass ein solches Schwarz-Weiss-Denken entsteht: zuerst euphorisch zu übertreiben und danach in eine reaktionäre Ablehnung zu kippen. Dabei wäre eine Balance am zielführendsten.

Wenn wir fünf Jahre vorausschauen: Wie wünschen Sie sich die Schule der Zukunft?
Ich wünsche mir, dass der Unterricht der Zukunft hybrid ist: Digitale Medien werden dort eingesetzt, wo sie didaktisch sinnvoll sind, während digitale und analoge Grundkompetenzen gleichermassen gefördert werden. Im Zentrum sollte nicht die Technik stehen, sondern besseres Lernen. Und kritische Medienkompetenz sollte fest im Lehrplan verankert sein – von Fake News über digitale Ethik bis hin zur Algorithmisierung. All dies sollte als Querschnittthema in allen Fächern behandelt werden.

Und wo stehen wir jetzt?
Ich glaube, wir sind auf gutem Weg dahin. Aber Herausforderungen bleiben: Datenschutz, Digital Divide, Überforderung und mehr. Es wird keine grosse Revolution stattfinden, sondern eine stetige Evolution – mit anhaltenden Widerständen, ungleichen Ressourcen und wohl auch weiteren Pendelbewegungen, wie wir sie derzeit in Schweden beobachten.

Zur Person

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Barbara Getto ist Professorin für Medienbildung am Zentrum Bildung und Digitaler Wandel an der PH Zürich. Sie forscht zum digitalen Wandel in der Bildung und zu Organisationsentwicklungsprozessen in Bildungseinrichtungen im Kontext der Digitalisierung. Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen Strategien der Digitalisierung und Veränderungsprozesse in Bildungseinrichtungen.

Mehr im «einblick»

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Für die Frühlingsausgabe de Magazins «einblick» haben wir uns mit Barbara Getto ausserdem zu den Themen analoges und digitales Lernen, über die Rolle der Lehrpersonen und Eltern, Gamification, die optimalen Bedingungen für hybrides Lernen sowie den Digital Divide unterhalten.


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