Zu Beginn der Sekundarstufe I sind die Mathematikkenntnisse innerhalb einer Klasse oft sehr unterschiedlich. Die neue Lernstandserhebung «Startpunkt – Mathematik Sekundarstufe I» will Lehrpersonen dabei unterstützen, individuelle Lernstände zu erfassen und Jugendliche gezielt zu fördern. Irene Arbenz, Schulische Heilpädagogin, berichtet über ihre Erkenntnisse aus der Erprobung.
Frau Arbenz, wie würden Sie das Mathematik-Niveau der Sek-B-Klasse beschreiben, in der «Startpunkt» erprobt wurde?
Die Klasse war insgesamt sehr heterogen. Zwei oder drei Jugendliche lagen klar über dem Durchschnitt, während der Grossteil der Klasse eher darunter lag. Schon vor der Erhebung war sichtbar, dass viele grosse Mühe mit dem Kopfrechnen hatten und kaum Strategien einsetzen konnten. Ein Beispiel: Ein Schüler war nicht in der Lage, in Zweierschritten zählen – also 2, 4, 6, 8. Das zeigt, wie wenig grundlegendes Zahlenverständnis bei einigen vorhanden war.
Wurden die Schülerinnen und Schüler auf die Erhebung vorbereitet?
Wir – die Mathematiklehrperson und ich – haben uns eine Woche vorher zusammengesetzt und das Material durchgesehen. Für die Durchführung haben wir eine eher ruhige Woche gewählt. Die Jugendlichen haben wir bewusst nicht im Voraus informiert, um unnötige Aufregung zu vermeiden. Erst am Tag selbst erklärten wir ihnen kurz, worum es geht: Wir möchten sehen, wo jede und jeder in Mathematik steht, damit wir Unterricht und Förderung gezielt ausrichten können – und dass die Erhebung nicht benotet wird.
Wie lief die Erhebung konkret ab?
Die Bearbeitung dauerte rund 45 Minuten. Die stärkeren Schülerinnen und Schüler waren gut in der vorgegebenen Zeit fertig. Bei den Schwächeren haben wir gemerkt, dass einige versuchten, schriftlich zu rechnen, obwohl das eigentlich nicht vorgesehen war. Insgesamt war die Atmosphäre sehr ruhig und konzentriert – viel ruhiger, als wir erwartet hatten. Bei der zweiten Erhebung war es sogar noch entspannter.
Entsprachen die Resultate Ihren Erwartungen? Oder waren Sie überrascht?
Vieles hat meine Erwartungen bestätigt. Bei einigen Jugendlichen war mir schon vorher aufgefallen, dass grundlegende Kenntnisse fehlten – zum Beispiel das Verständnis für Stellenwerte oder das Rechnen in Schritten. Im Test zeigte sich das nochmals deutlicher als erwartet. Bei Aufgaben wie 10 000 minus 1 oder 100 000 minus 10 wurde klar, dass das Stellenwertsystem nicht verstanden war. Einige rechneten schriftlich und hatten trotzdem ein falsches Ergebnis. Viele Kinder und Jugendlichen kompensieren solche Schwächen über Jahre hinweg durch Auswendiglernen – doch bei grösseren Zahlen funktioniert das nicht mehr und wird irgendwann sichtbar.
Es gab aber auch positive Überraschungen. Zwei Jungen zeigten im Test sehr deutlich, was sie können. Ich hatte schon vorher den Eindruck, dass sie manchmal unterfordert sind. Im Test hat sich das bestätigt: Sie arbeiteten sicher und schnell und hätten im Unterricht eigentlich mehr Herausforderung gebraucht.
Was waren die wertvollsten Erkenntnisse aus der Erhebung?
Die wichtigste Erkenntnis war, dass bei vielen Jugendlichen grundlegende mathematische Vorstellungen nicht gefestigt sind – zum Beispiel die Bedeutung der Ziffer 0. Auch der Zahlenstrahl war für viele sehr schwierig, vor allem bei Dezimalzahlen. Für uns wurde deutlich: Zu Beginn der Sekundarstufe I braucht es unbedingt eine Standortbestimmung – nicht nur in B- und C-Klassen, sondern übrigens auch in A-Klassen. Denn selbst dort sind manchmal ein oder zwei Jugendliche darunter, die Lernlücken bis dahin gut kompensieren konnten.
«Zu Beginn der Sekundarstufe I braucht es unbedingt eine Standortbestimmung – nicht nur in B- und C-Klassen, sondern übrigens auch in A-Klassen.»
Wie gehen Sie mit den gewonnenen Erkenntnissen um?
Nach der zweiten Erhebung haben wir uns noch einmal zusammengesetzt, typische Fehler angeschaut und im Lehrmittel nachgelesen, welche Hinweise zu den einzelnen Aufgaben gegeben werden. Anschliessend haben wir gezielt Schwerpunkte gesetzt: wieder stärker an Zahlenverständnis, Stellenwerten und Orientierung im Zahlenraum zu arbeiten. Wir haben Fördergruppen gebildet und Lernatelier-Stunden dafür genutzt.
Wie beurteilen Sie den Nutzen der Lernstandserhebung in Bezug auf die individuelle Förderung?
Ich finde sie sehr hilfreich. Sie zeigt genau, wo etwas fehlt – nicht nur bei einzelnen Aufgaben, sondern bei grundlegenden Kompetenzen. Dadurch kann man gezielter fördern, sei es einzeln oder in Gruppen. Und auch innerhalb einer Gruppe lässt sich gut unterscheiden, wer welche Aufgaben braucht.
Ein Beispiel hat mich besonders beeindruckt: Eine Schülerin, die zu Beginn die Zehnerübergänge mit den Fingern rechnete und die ich ein Jahr lang gezielt förderte, konnte die erste Lernstandserhebung fast fehlerfrei lösen. Sie hatte Strategien entwickelt, konnte den Zahlenstrahl sicher nutzen und verstand das Stellenwertsystem.
Solche Fortschritte motivieren sehr. Die Jugendlichen merken, dass sie plötzlich etwas verstehen, das ihnen vorher schwerfiel. Auch Mitschülerinnen und Mitschüler nehmen diese Fortschritte wahr – das stärkt das Selbstvertrauen und sorgt für mehr Wertschätzung.
Was möchten Sie anderen Lehrpersonen und Schulischen Heilpädagogen mit auf den Weg geben?
Mut haben, bei den Grundlagen anzusetzen. Manchmal muss man bis in die 1. oder 2. Klasse der Primarstufe zurückgehen – und das ist völlig in Ordnung. Lieber wenige Ziele gut verfolgen, als zu vieles gleichzeitig versuchen.
Wichtig finde ich auch, dass die Schülerinnen und Schüler ins Gespräch kommen – sowohl untereinander als auch mit der Lehrperson. Sprache spielt auch in der Mathematik eine grosse Rolle. Wenn sie erklären, wie sie vorgehen, entsteht ein viel tieferes Verständnis.