

Welche Entwicklung führte zur Gründung von kantonalen Lehrmittelverlagen wie dem LMVZ?
Die Gründung des LMVZ geht auf die liberalen Umbrüche des 19. Jahrhunderts zurück. In den 1830er Jahren setzte sich die Forderung nach «Bildung für alle» durch. Der Kanton übernahm damit die Verantwortung, die Qualität der öffentlichen Schule flächendeckend zu sichern. Dazu schuf Zürich eine kantonale Lehrerbildung, Lehrpläne, eine Schulaufsicht und schliesslich 1851 einen eigenen Lehrmittelverlag. Dieser sollte lehrplankonforme Lehrmittel für alle Schulen bereitstellen.
Existierte damals bereits eine obligatorische Unterrichtspflicht?
In einzelnen Kantonen wie Zürich, Bern und Genf gab es bereits in den Landschulordnungen des 17. Jahrhunderts eine Art Unterrichtspflicht. Wie lange Kinder die Schule besuchen sollten, war jedoch nur vage geregelt. Oft entschied die Lehrperson oder der Pfarrer, wann «genug» gelernt war. In den 1830er und 1840er Jahren begannen die Kantone, die Schulpflicht verbindlicher durchzusetzen. Seit 1874 schreibt die Bundesverfassung vor, dass der Primarunterricht obligatorisch und an öffentlichen Schulen unentgeltlich ist. Bis alle Kantone eine neunjährige Schulpflicht eingeführt hatten, dauerte es allerdings noch bis in die 1970er Jahre.
1/2Gibt es ein historisches Lehrmittel, das seiner Zeit besonders weit voraus war?
Bereits in den 1870er Jahren entwickelte Friedrich Mayer, später Zürcher Erziehungsrat, ein Ethiklehrmittel. An die Stelle des einstigen konfessionsgebundenen Religionsunterrichts sollte nach Mayer ein konfessionsneutraler Ethik- und Moralunterricht treten. Dieser thematisierte ethische Fragen, die im biblischen Unterricht eine wichtige Rolle spielen – jedoch nicht unter kirchlich-dogmatischen Gesichtspunkten, sondern festgemacht an Heldenfiguren wie Wilhelm Tell oder Henri Dunant. Damals setzte sich die Idee nicht durch. Aber Mayer nahm früh vorweg, was heute im Fachbereich Religionen, Kulturen, Ethik (RKE) des Lehrplans 21 verankert ist: Wissen über Weltreligionen, Kulturen und ethische Fragen ohne religiöse Dogmatik.
Auch die Forderung nach individualisiertem Unterricht ist nicht neu. Wie weit reicht sie zurück?
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gewann mit der Reformpädagogik die Idee einer «Pädagogik vom Kinde aus» an Bedeutung. Man ging zunehmend davon aus, dass jedes Kind anders ist. Das Bild einer «Schule nach Mass» (ein Buch des Genfers Edouard Claparède von 1921) bringt dies auf den Punkt: Wie ein Schneider oder Schuhmacher Mass nimmt, sollte auch die Schule unterschiedlichen Kindern gerecht werden.
Die Forderung, die Individualität des Kindes zu berücksichtigen, findet sich bereits in den 1880er Jahren – zunächst vor dem Hintergrund sehr grosser Schulklassen. Seither kehrt sie in Wellen wieder – besonders in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, in den 1960er und 1970er Jahren und seit den 1990er Jahren.
1/2Im Gespräch für den «einblick» betonen Sie, dass die Entwicklung der Lehrmittel eng verbunden ist mit der technologischen Perspektive. Wie werden die technologischen Entwicklungen die Zukunft der Lehrmittel prägen?
Neue Technologien werden die Lehrmittelproduktion weiterhin beschäftigen. Jede neue mediale Möglichkeit löst zunächst grosse Hoffnungen aus. Das war beim Schulradio, beim Schulfilm und beim Schulfernsehen so, später bei den ersten Computerprogrammen und in den vergangenen 20 Jahren bei den Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT). Auch bei der künstlichen Intelligenz treten nun Stimmen auf, die darin die Zukunft sehen – und damit oft meinen: Nur das ist die Zukunft. Gleichzeitig gibt es jeweils starke Gegenreaktionen. Irgendwann entschärft sich diese Polarisierung und wie bei ICT weicht damit der anfängliche Hype oft einer kritischeren Betrachtung.
Wie die Vergangenheit zeigt, wurden neue Medien mit der Zeit stets zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Unterrichts. Im Zentrum des Medieneinsatzes muss nicht die Frage stehen, was technisch möglich oder gerade neu ist, sondern welches Medium sich für welche Lernzwecke am besten eignet.