Analog lernen im Digitalzeitalter

von Karin Keller - 09 April 2026
Auf einem weissen Blatt Papier schreibt jemand Begriffe auf. Man sieht nur einen Teil des Papiers, einen Teil der Hände, der einen blauen Kugelschreiber hält.

Digitale Elemente sind längst fester Bestandteil des Unterrichts und bereichern das Lernen auf vielfältige Weise. Gleichzeitig behalten analoge Lernsituationen ihre besonderen Stärken. Wir zeigen, wann analoges Lernen besonders wertvoll ist.

Es gehört längst zum Standard, dass in Schulen mit digitalen Elementen und Hilfsmitteln gearbeitet wird. Computer, Tablets, Audio, Video – sie gehören ebenso zum Unterricht dazu wie Bücher, Hefte und Stifte. Die Frage, ob lernen digital oder analog vonstatten gehen soll, greift deshalb zu kurz. Vielmehr geht es darum, jene Form zu wählen, die das Lernziel am besten unterstützt.

Barbara Getto, Professorin für Medienbildung an der PH Zürich, hat uns im Magazin «Einblick» dazu Rede und Antwort gestanden. Sie weist darauf hin, dass es für Lehrpersonen entscheidend sei, analoge und digitale Elemente bewusst zu wählen und zu kombinieren. Zudem sollten Lernende verstehen können, warum ein bestimmtes Medium gewählt wird.

Ein Laptop auf einem Tisch auf der linken Seite, ein Mädchen tippt mit dem Finger auf den Bildschirm. Das Mädchen ist verschwommen von der Seite zu sehen, sie hat schwarze, lange Haare.
Ein gängiges Bild in modernen Schulzimmern: Die Arbeit am und mit dem Computer gehört heute dazu.

Die Arbeit und das Lernen mit verschiedenen Medien, auch digitalen, gehört heute zu den zentralen Kompetenzen, die sich Kinder aneignen. Sie werden in eine digitale Welt hineingeboren, und müssen lernen, wie man sich Wissen aneignet und an Informationen kommt. Das geht nicht ohne den Einbezug des Digitalen. In diesem Sinne ist Medienkompetenz integraler Teil der Bildung.

Die Stärken des analogen Lernens

Die Wichtigkeit des Digitalen schmälert jedoch nicht die Relevanz des Analogen. Denn das analoge Lernen hat zahlreiche Vorteile und Stärken. Dazu gehören insbesondere das vertiefte Lesen, das Erlernen der Handschrift und das haptische Lernen, so Barbara Getto.

Vor allem jüngere Schülerinnen und Schüler profitieren von analogen Arbeitsformen: Hefte, Arbeitsblätter, Karteikarten, Poster und Ähnliches unterstützen ihre Selbstorganisation. Generell gilt: Je jünger die Lernenden sind, desto grösser ist oft der Mehrwert des analogen Lernens, weil grundlegende Kompetenzen erst aufgebaut und wichtige Erfahrungen gesammelt werden müssen. In dieser Altersstufe spielt auch das spielerische Lernen eine grosse Rolle, unabhängig davon, ob digital oder analog gelernt wird.

Ein Kind mit violettem Pullover und braunen, langen Haaren schreibt mit einem blauen Stift in ein Arbeitsheft.
Gedruckte Arbeitsblätter ausfüllen: Gerade für jüngere Kinder kann das übersichtlicher sein als die Arbeit auf digitalen Plattformen.

Auch Christof Chesini, der als Co-Projektleiter Inhalt das Englisch-Lehrmittel «Reach Out» mitentwickelt, weist auf die Vorteile von analogen Lernformen hin: Beim Markieren von Wörtern und Schreiben von Hand werden Sprache und Motorik verbunden. Auch die Orientierung könne im Analogen einfacher sein: Eine Buch- oder Heftseite, ein gedrucktes Arbeitsblatt lassen sich schneller erfassen als Inhalte auf digitalen Plattformen, wo man scrollen und via Links weiterspringen kann.

Ganz allgemein kann die scheinbare Unendlichkeit der digitalen Ressourcen auch eine Schwäche sein: Benachrichtigungen, Links, offene Tabs und Suchfunktionen sorgen dafür, dass die Ablenkung stets nur einen Klick entfernt ist.

Analog lernen – sinnvolle Gelegenheiten

Dass das Analoge insbesondere dort seine Stärken ausspielen kann, wo Lernen mit Bewegung, Sinnes- und Materialerfahrungen oder sozialer Interaktion verbunden ist, zeigt sich beispielhaft an Lernsituationen aus der Lehrmittelreihe «Logbuch». Es ist hybrid angelegt und kombiniert digitale und analoge Anteile.

Gerade auf den tieferen Stufen wird dem Analogen eine hohe Bedeutung beigemessen. So arbeitet «Logbuch 1–2» mit Bildern, die verschiedene Situationen zeigen und die Kinder zum Weiterdenken und Diskutieren anregen. Auch Rollenspiele werden als Lernform genutzt, zum Beispiel im Themenheft «Umwelt», wenn die Schülerinnen und Schüler Situationen auf einem Recyclinghof nachspielen.

Ein Kind, nur angeschnitten und verschwommen zu sehen, hält ein offenes Lernheft auf seinen Knien.
Im Klassenverband wird diskutiert, was auf den Bildern zu sehen ist und welche Themen sich dahinter verbergen.

Generell eignen sich Lernsituationen, die Beziehung und Kooperation erfordern, insbesondere für analoge Aktivitäten. Dazu zählen die genannten Rollenspiele, aber auch Diskussionen, Gruppenarbeiten und das Lernen im Klassenverband. Eine Erfahrung, die auch Claudia Müller, Seklehrerin aus Dietikon, macht: Sie sagt, dass sie ohne Computer besser auf die Stimmung der Jugendlichen eingehen kann und einen intensiveren Kontakt zu ihnen hat.

Ein Klassenzimmer, link sitzen Jugendliche in den Bänken und schauen nach vorne, wo eine Lehrerin am Pult steht.
Alle Aufmerksamkeit nach vorn: Claudia Müller liegt viel am direkten Kontakt zu den Jugendlichen ihrer Sek-Klasse.

Weitere Paradebeispiele für analoge Lernformen sind kreative Arbeiten wie Zeichnen, Experimente und Modellbau sowie motorisch-praktische Arbeiten wie Handwerk, Musik und Kunst. Bei allen geht es um die Erfahrung mit verschiedenen Materialien, um Sinnesein- und ausdrücke und um Feinmotorik. Dies ist digital kaum erfahr- und erlebbar. Dasselbe gilt für Sport und Bewegung.

Ein weisses Blatt Papier in einer Kartonschachtel, mit orange, grün und violett wurde auf dem Blatt gemalt.
Gemälde und Experiment in einem: Mit einer magnetischen Kugel wird die Farbe verteilt, ein Kindergärtner wird zum Kunstmaler.

Gut erforscht sind die Vorteile des Schreibens von Hand. Es ist dem Tippen an der Tastatur in vielerlei Hinsicht überlegen, da es motorische und kognitive Hirnregionen aktiviert und verknüpft. Dadurch werden die Informationsverarbeitung und Gedächtnisbildung gefördert. Die motorischen Bewegungen unterstützen beispielweise das Einprägen neuer Wörter. Ob Notizen, Zusammenfassungen oder Mindmaps – das Schreiben von Hand ist multisensorisch und körperlich, was die Konzentration und das Verständnis fördert.

Eine Kinderhand hält einen Bleistift und schreibt in ein liniertes Heft. Das Kind schreibt mehrere grosse und kleine E.
Im Schreibheft der Lehrmittelreihe «Deutsch» werden die einzelnen Buchstaben erlernt und die Handschrift geübt.

Auch beim Lesen zeigt das Gedruckte gemäss Studien Vorteile: Im Direktvergleich werden gedruckte Texte besser verstanden als am Bildschirm gelesene. Es lohnt sich also, Schülerinnen und Schülern Printtexte vorzulegen.

Bücher, die im Lehrmittel "Deutsch" eine Rolle spielen
Nicht nur das «Was», sondern auch das «Wie» spielt beim Lesen eine Rolle: Gedruckte Texte verarbeiten wir anders als Texte am Bildschirm.

Zum Schluss richten wir den Blick auf das Lernen in und mit der Natur. Ob Bauernhofbesuch, Waldputzete oder das Herstellen von Pflanzgefässen – es gibt unzählige Lerngelegenheiten, bei denen die Natur eine Rolle spielt. Dabei werden die Sinne auf besondere Weise angesprochen, sodass sich Inhalte sehr gut einprägen. Studien zeigen, dass die Aufmerksamkeit besser ist und Schülerinnen und Schüler interessierter und motivierter lernen. Gleichzeitig spricht nichts dagegen, die Lerneinheiten mit digitalen Elementen anzureichern – etwa indem die Kinder im Internet nach einer Anleitung für Pflanzgefässe suchen.

Ein Kind schneidet einen Fenchel zurück. Gross im Bild der Fenchel, vom Kind sieht man nur die Hände.
Gartenarbeit im Schulzimmer: Lernen von, mit und in der Natur hat viele Vorteile und sorgt für Erfahrungen, die alle Sinne ansprechen.

Auch heute spielt das analoge Lernen im Unterricht also eine grosse Rolle. Doch es wird regelmässig durch digitale Elemente ergänzt – so entstehen hybride Lernsettings, welche die Stärken des Digitalen und Analogen gezielt kombinieren.

Fokus im Einblick: hybrides Lernen

Das Fokusthema im Magazin «Einblick» widmet sich der Frage, wie sich die Stärken des analogen und digitalen Lernens verbinden lassen. Interviews, Reportagen und Einblicke in unsere Lehrmittel beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.

Neues Lehrmittel für den Englischunterricht

Mit «Join In» (Zyklus 2) und «Reach Out» (Zyklus 3) entsteht eine neu konzipierte Lehrmittelreihe für das Fach Englisch. Das Lehrmittel ist hybrid konzipiert und wird aktuell erprobt – auch, um das Zusammenspiel von digitalen und analogen Anteilen optimal abzustimmen.


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