Wie lernen Kinder am besten?

von Karin Keller - 04 Juni 2026
Im Vordergrund ein Spielzeug aus Lego, im Hintergrund verschwommen fünf Kinder und eine erwachsene Person, die um einen Tisch sitzen.

Lernen ist weit mehr als das Abspeichern von Wissen. Kinder lernen mit Kopf, Gefühl und im Austausch mit anderen. Doch was brauchen sie, um nachhaltig und motiviert lernen zu können – und welche Rolle spielen Lehrpersonen dabei? Ein Blick auf Erkenntnisse aus Forschung und Schulalltag.

Seit 175 Jahren begleitet der Lehrmittelverlag Zürich mit seinen Lernmaterialien Kinder beim Lernen. Nicht umsonst lautet das Motto des Jubiläums «Wir feiern Lernen!». Doch was ist Lernen überhaupt? Wie lernt man erfolgreich? Was brauchen Kinder und Jugendliche, um lernen zu können, und wie kann Unterricht so gestaltet werden, dass möglichst alle nachhaltig und motiviert lernen?

Klar ist: Ein allgemeingültiges Rezept für gutes Lernen gibt es nicht. Im Schulalltag zeigt sich täglich, wie unterschiedlich Kinder lernen. Manche verstehen Zusammenhänge schnell, andere brauchen mehr Zeit oder einen anderen Zugang. Auch die Forschung zeigt: Lernen ist ein individueller und hochkomplexer Prozess, bei dem kognitive, emotionale und soziale Faktoren zusammenspielen.

Schreiben im Mathematikheft
2026 feiert der Lehrmittelverlag Zürich sein 175-jähriges Bestehen. Unzählige Lehrmittel wurden über die Jahre entwickelt und begleiten Kinder und Jugendliche beim Lernen.

Was ist Lernen?

Lernen lässt sich als aktiver Prozess der Informationsverarbeitung beschreiben. Neue Informationen werden mit bestehendem Wissen verknüpft, bewertet und im Gehirn in Netzwerken gespeichert. Dieser Prozess braucht Zeit und Wiederholung.

Lernen ist jedoch kein rein kognitiver Vorgang, auch emotionale und soziale Komponenten spielen eine wichtige Rolle. Inhalte, die mit Interesse, Sicherheit oder positiven Erfahrungen verbunden sind, bleiben besser haften. Stress, Druck und Überforderung hingegen hemmen das Lernen. Kinder lernen durch Beobachtung, Nachahmung und im Austausch, kurz: als soziale Wesen. Gleichzeitig ist Lernen hochindividuell, denn jeder Mensch bringt anderes Vorwissen und unterschiedliche Voraussetzungen mit.

Ein Kind betrachtet mit einer Lupe einen Klettverschluss.
Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Und doch lernt der Mensch in seinen jungen Jahren wohl am meisten.

Eine Rangliste für erfolgreiches Lernen

Der Erziehungswissenschaftler John Hattie hat sich eingehend mit der Frage beschäftigt, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche am besten lernen. Die von ihm erstellte Rangliste mit mittlerweile über 250 Faktoren zeigt, was den Lernerfolg beeinflusst. Hattie betont, dass es wichtig ist, das Individuum zu sehen und gleichzeitig die soziale Komponente mitzudenken. Eine wichtige Rolle für den Lernerfolg schreibt er den Lehrpersonen zu: Sie beobachten, deuten und steuern Lernprozesse und begleiten Kinder professionell in ihrem Lernen.

Auch Martina Aepli, Lehrmittelberaterin beim LMVZ und früher selbst Lehrerin auf der Mittelstufe, erachtet die Lehrperson als zentral für den Lernerfolg. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass auch Schule, Elternhaus, Bildungspolitik und Gesellschaft Verantwortung dafür tragen, dass Kinder gut lernen können.

Ein Erwachsener und vier Jungen. Der Erwachsene hält einen Schmetterling, präpariert, in den Händen. Eine Hand greift danach und will ihn befühlen.
Lernen ist individuell, findet jedoch nicht isoliert statt. Die soziale Komponente spielt für den Lernerfolg eine wichtige Rolle – von Klassenverband über Lehrperson bis hin zur Gesellschaft.

Das Wichtigste: sich wohlfühlen

Auf die Frage, wie Lernen am besten gelingt, antwortet Martina Aepli: «Man lernt am besten, wenn man zufrieden ist, sich sicher und wohl fühlt.» Ein Kind müsse sich wohlfühlen, um gut lernen zu können – am Lernort, mit den Peers, mit der Lehrperson, aber auch mit sich selber. Dieses Gleichgewicht könne schnell ins Wanken geraten, etwa durch familiäre Probleme, Ängste oder schlicht durch zu wenig Bewegung im Schulalltag.

Die Rahmenbedingungen müssen also stimmen und Lernen braucht Beziehung, Vertrauen und Anerkennung. Es gilt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man Fragen stellen kann und Fehler machen darf.

Eine erwachsene Person und ein Kind stehen vor einer Wandtafel, auf der Zahlen stehen. Sie schauen in ein geöffnetes Buch, dass die Frau mit langen roten Haaren in den Händen hält.
Eine Umgebung, in der man Fragen stellen kann und Fehler machen darf, trägt dazu bei, dass Kinder gerne und gut lernen können.

Für Lehrpersonen ist es nicht immer einfach, die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu erkennen und das Lernen darauf abzustimmen. Wie ein Fitnesscoach müsse man herausfinden, wer die «Lernmuskeln» bereits gut trainiert habe und wer sie noch aufbauen müsse, fasst Martina Aepli zusammen.

Individualität und Lernstrategien

Menschen lernen durch Tätigkeiten und Erfahrungen und nicht durch Reifung. Besonders nachhaltig lernen Kinder, wenn sie sich aktiv mit dem Lerngegenstand auseinandersetzen können und Inhalte nicht durch reines Zuhören aufnehmen. Sie brauchen Anstösse und Gelegenheiten, um zu fragen, zu forschen, zu suchen und zu experimentieren. Auch Fehler, Umwege und Misserfolge tragen zum Lernen bei.

Licht Experiment
Wie lerne ich am besten? Die eigene Lernstrategie zu finden, dauert seine Zeit. Experimente sind oft hilfreicher als reines Zuhören.

Kinder müssen zudem lernen, «wie Lernen geht» und welche Lernstrategien für sie funktionieren. Als Lehrerin habe sie jeweils verschiedene Angebote gemacht, erzählt Martina Aepli. Manche Kinder lernen besser alleine, andere zu zweit. Einige brauchen Unterstützung bei der Wahl des passenden Lernplatzes, andere beim Finden «ihrer» Lernstrategie. Hattie betont, dass Lernen eine geteilte Verantwortung zwischen Lehrenden und Lernenden sei, wobei Lehrpersonen ihre Schützlinge schrittweise befähigen, selbst Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen.

Spielerisch und bewegt

Bewegung spielt beim Lernen eine wichtige Rolle. Sie fördert die Konzentration, unterstützt die Vernetzung der Hirnzellen und wirkt sich positiv auf Emotionalität, Motivation und soziale Fähigkeiten aus. Auch Musik, Entspannungs- und Rhythmusübungen unterstützen das Lernen.

Ebenso erfolgsversprechend ist eine spielerische Herangehensweise. Kleinkinder eignen sich viele Fähigkeiten über das Spiel an. Erst ab etwa acht Jahren lernen Kinder gezielt, systematisch und extrinsisch motiviert. Gerade im 1. Zyklus eignen sich deshalb spielerische Lernzugänge. «In unseren Deutschlehrmitteln verknüpfen wir Grammatik mit bekannten Spielen wie Memory oder Domino», erzählt Lehrmittelberaterin Martina Aepli.

Aus Bauklötzen und Spielzeugbäumen gebaute Landschaft. Eine Brücke und Schiene, ein Kolosseum-artiges Gebäude.
Gerade jüngere Kinder profitieren von spielerischen Zugängen zum Lernen. Spielerische Elemente lassen sich jedoch auf jeder Altersstufe einsetzen – von Grammatikmemory bis hin zu Videogames.

Spielerische Elemente lassen sich jedoch auf allen Altersstufen einsetzen, digital wie analog. Ein Review von 30 Studien zu Gamification zeigt, dass Gamification die Lernmotivation auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen steigern kann. Barbara Getto, Professorin für Medienbildung an der PH Zürich, bestätigt diese Einschätzung im Interview. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Neuigkeitseffekt eine wichtige Rolle spiele und Gamification durch Reizüberflutung und Leistungsdruck auch demotivierend wirken und weniger soziale Interaktion stattfinden könne. Umso wichtiger sei es daher, dass die Lehrperson die Lernenden auch im digitalen Raum adäquat begleitet.


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